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ConsolMärchen

Der Papagei

Ein Kaufmann hielt in einem Käfig einen Papagei gefangen. Eines Tages fragte er, ob er ihm ein Geschenk aus Indien mitbringen solle, der Heimat des Vogels. “Oh bitte, könntest du wohl meine Verwandten im Dschungel besuchen und ihnen sagen, dass ich hier gefangen bin“, sagte der Papagei. Doch als der Mann von seiner Reise zurückkehrte, berichtete er: „Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten. Ich stand im Dschungel und rief den Papageien dort zu, dass du bei mir in einem Käfig lebst. Einen deiner Verwandten muss der Schock umgebracht haben, denn er stürzte vom Baum und fiel zu meinen Füssen nieder.“

Sobald er diese Worte hörte, liess sich der Papagei des Kaufmanns stocksteif auf den Boden des Käfigs fallen. Betrübt nahm der Mann seinen toten Liebling auf und legte ihn auf das Fensterbrett. Doch als der Papagei die Freiheit spürte, erholte er sich und flog davon.

 

Quelle: Mathnawi von Dachalaluddin Rumi, Die Tochter des Geschichtenerzaehlers,  Saira Shah

 

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Soniri der Thronfolger

Es war einmal ein weiser alter König, der sehr kleines Königreich gerecht regierte.

Seine Untertanen waren zufrieden, lebten in Ruhe und hatten ihr Auskommen.

Den König aber quälten düstere Gedanken, und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer. Es tat ihm leid, dass er keine Kinder hatte. Wem würde er die Königskrone und den Thron vererben? Wer würde sein so gut begonnenes Werk fortsetzen? Das war es, worüber sich der alte König den Kopf zerbrach.

„Nehmt doch einen klugen Knaben von vornehmer Abkunft an Kindesstatt an und erzieht ihn als Euren Sohn und Nachfolger“, empfahlen seine Ratgeber.

Der König aber zögerte. Von allen Seiten drängten ihm die Höflinge ihre Neffen oder Vettern auf, deren Fähigkeiten sie in den höchsten Tönen priesen. Wie aber sollte sich der König davon überzeugen, welcher von ihnen geeignet war, die Königskrone zu tragen? Nicht umsonst sagte ein altes Sprichwort: Durch das Fell kannst du dem Tiger nicht die Rippen zählen; was im Menschen steckt, kann man  nicht sehen.

Eines war sicher - sein Nachfolger sollte weise und besonnen sein, aber vor allem wahrheitsliebend.

Der alte König überlegte so lange, bis er eine Lösung wusste. Er rief die Kinder aus der ganzen Umgebung zu sich und gab jedem Knaben und jedem Mädchen einige Samen. Er sprach:

„Legt diese Samen in einen Blumentopf und betreut sie gut. Wer von euch die schönsten Blumen züchtet, den will ich als Sohn oder als Tochter annehmen.“

Die Kinder liefen mit den Samen nach Hause. Sie verschafften sich Blumentöpfe und gute Erde, säten die Samen und betreuten sie. Und jedes Kind sah sich schon als Prinz oder Prinzessin im königlichen Palast.

Auch Soniri, einer der Knaben, wollte sich nicht beschämen lassen. Er nahm einen grossen Blumentopf, legte vorsichtig die Samen in die feingesiebte Erde und begoss sie morgens und abends. Er widmete dem Blumentopf seine ganze Zeit und sein ganzes Herz. Er wartete ungeduldig auf die ersten zarten Blättchen - aber vergebens. Es verging eine Woche und noch viele Tage - im Blumentopf aber zeigte sich keine Veränderung.

Weinend lief Soniri zu seiner Mutter, doch auch diese wusste keinen Rat. Er versuchte, die Samen umzusetzen, aber es half nicht: die Samen wollten nicht aufgehen. Endlich war der Tag angebrochen, an dem der König die Blumen besichtigen wollte. Schon im Morgengrauen hatten sich die Kinder auf der Strasse, die zum Palast führte, eingefunden. Jedes Kind war festlich gekleidet und umklammerte seinen Blumentopf. Es hatte sich viel Volk eingefunden, und alle warteten gespannt darauf, welche Blume in den Augen des Königs die schönste war. Zum Klang der Trommeln und Pfeifen bahnte die königliche Wache den Würdenträgern den Weg. An ihrer Spitze schritt der König und besichtigte aufmerksam jeden einzelnen Blumentopf.

Beide Seiten der Strasse waren mit wunderschönen Blumen gesäumt. Rosa Azaleen, scharlachroter Mohn, blaue Glockenblumen, die grossen Kugeln der Pfingstrosen und feuerfarbene Lilien, Maiglöckchen schimmerten wie weisse Perlen, betaute Rosenknospen hoben ihre lieblichen Köpfe, weisse, goldgelbe und violette Blütenblätter schimmerten wie Nephrit - es war ein einzigartiger Anblick! Und ein leichter Wind trug den betäubenden Duft von tausend Blüten in die Umgebung.

„Seht nur, allergnädigster König, ist das nicht eine herrliche Blüte?“ versuchten die Minister und Ratgeber die Aufmerksamkeit des Herrschers auf die eine oder andere Blume zu lenken.

Doch auf dem Antlitz des alten Königs breitete sich eine immer grössere Enttäuschung aus. Teilnahmslos sah er auf die schönsten Schöpfungen der Natur und das Ergebnis des Fleisses der kleinen Gärtner. Und die Sorgenfalten auf seiner Stirn wurden immer tiefer.

Auf einmal aber fesselte etwas seinen Blick. An der Schwelle eines Hauses, ganz am Ende der Strasse, sass ein kleiner Knabe und weinte. Auf dem Schoss hielt er einen grossen Blumentopf, in dem sich nichts als Erde befand. Der Knabe hiess Soniri.

„Führt in zu mir!“ befahl der König. Als man Soniri zu ihm brachte, fragte er  ihn streng: „Warum weinst du? Wieso ist dein Blumentopf leer?“ Da erzählte Soniri dem König, wie sehr er sich bemüht habe, aus dem Samen eine Blume zu züchten. Aber alle Mühe sei umsonst gewesen - aus den seltenen Samen des Königs wolle nichts keimen. Vielleicht sei das die Strafe dafür, dass er im Garten des Nachbarn Äpfel gestohlen habe, schluchzte der Knabe.

Bei der Antwort Soniris erheiterte sich das Antlitz des Königs. Freudig zog er den Knaben an sich und sprach:

„Im ganzen Königreich gibt es keinen aufrichtigeren Knaben als Soniri. Er allein verdient es, mein Sohn und Thronfolger zu werden!“ Unter den Würdenträgern und in der Menge erhoben sich unzufriedene Stimmen:

„Weshalb wollt ihr einen Knaben an Kindesstatt annehmen, der nur einen leeren Blumentopf hat?“

„Hört mich an, Leute! Die Samen, die ich an die Kinder verteilte, habe ich vorher gekocht! Sie konnten also gar nicht aufgehen!“

Da verstanden die Würdenträger und alles Volk die Absicht des weisen Königs, und sie nickten zustimmend.

Die Kinder mit den blühenden Blumen aber senkten die Augen und ihre Wangen brannten vor Scham. Freilich, auch bei ihnen waren die Samen nicht aufgegangen, aber aus Sehnsucht, ein Prinz oder eine Prinzessin zu werden, hatten sie zu einem Betrug Zuflucht genommen und insgeheim die unfruchtbaren Samen mit anderen vertauscht.   

aus Indien

 

 

 

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